Liebe Marie, ich bin anders

Leev Marie (=Liebe Marie), das war der Kölner Karnevalshit der Session 2016/2017. Ein wundervoller Text, um ihn sich unter den Aspekten von Männlichkeit und Geschlechterrollen anzuhören (nicht zu vergessen: das Musikvideo – am besten jetzt schnell mal angucken!). Aber ist ein Liedtext Literatur? Na klar – spätestens der Literaturnobelpreis für Bob Dylan erübrigt weitere Argumentation – für alle anderen gibt es Terry Eagletons What is literature?…. aber nicht heute 🙂 Ab in den kölschen Karneval!

Das Aufbegehren eines Mannes gegen die stereotype Wahrnehmung seiner Geschlechterrolle

Leev Marie, ich bin kein Mann für eine Nacht.
Leev Marie, das habe ich noch nie gemacht!
Leev Marie, es muss die wahre Liebe sein,
für eine Nacht bleibe ich lieber allein.

Gerade im Kontext der karnevalesken Verhaltensweisen stellt der schnelle und konsequenzlose Geschlechtsverkehr keine Ungewöhnlichkeit dar. Karneval ist ursprünglich die Zeit des Überflusses vor dem Verzicht, heute mehr die des Ausschweifens abseits des Alltags, die Ausnahmen erlaubt: Bützchen hier und da und vielleicht sogar etwas mehr.

Aber es ist nicht nur Karneval, was uns der Sänger präsentiert; es ist eine generelle Kritik an der Wahrnehmung des Mannes als reduziertes Objekt der triebhaften Körperlichkeit. Sein von der Weiblichkeit als selbstverständlich dargestelltes Interesse an der einen Nacht wird dabei vom Sänger kritisiert: ich bin anders als die andern […] Ich kann sie nicht mehr hören, diese Frage: Gehen wir zu dir oder zu mir?

Doch parallel zum Bild des Mannes löst sich im Verlauf des Liedes auch das weibliche Rollenbild in Form von Marie ab von der klassischen Vorstellung einer romantisch veranlagten Figur.

Selbst Marie will immer nur das eine
[…] ich will doch so viel mehr
[…]
Mein Körper ist mir dafür viel zu schade
nein ich lasse mich nicht mehr benutzen

Es ist ein weiblich konnotiertes Bild, das uns aus männlicher Perspektive präsentiert wird. Die Ablehnung des rein körperlichen Kontaktes aufgrund der Suche nach der langfristigen Bindung (große Liebe), mehr noch die Wahrnehmung des Missbrauchs (benutzen) durch den reinen Geschlechtsverkehr. Parallel steht dazu Marie in der Rolle des maskulinen Stereotyps, denn selbst [sie] will immer nur das eine und unser Sänger bleibt verloren in der Hoffnung der einen, wahren Liebe, die ihn nicht bereits beim Frühstück wieder verlassen hat.

Dem Hörer stehen dabei zwei Figuren gegenüber, die beide ihr klassisches Rollenprofil verlassen haben: der Sänger, der den schnellen Geschlechtsverkehr fast als Missbrauch ablehnt, andererseits Marie, die sich nicht im Kontext der nach der Liebe suchenden Frau sieht. Doch gerade durch das parallele Verlassen ihres jeweiligen stereotypen Raumes besteht für diese beiden keine Möglichkeit auf eine Übereinkunft. Beide demonstrieren die Option, dass das generelle Verständnis von Geschlechterrollen falsch sein kann, sie negieren jedoch damit auch die Möglichkeit, in eine Übereinkunft zu kommen. Der quasi-Rollentausch ändert nur die Positionen im gleichen Konflikt – für die männliche Figur und Marie gibt es keine Zukunft. Aber vielleicht ja nach Karneval…

Songtext: Leev Marie von Die Paveier (2016)