Bäckereifachverkäuferinnenethik

Entscheidungsgewalt über das Käsebrötchen

„Können Sie das Käsebrötchen bitte mit zum Brot tun?“ Der Blick, der auf meine Bitte folgt, ist erbarmungslos. Ich sehe, ich bitte um etwas Undenkbares, ich zerstöre das Weltbild dieser armen Frau, deren Hingabe den Backwaren gehört; das akkurat auf acht Millimeter geschnittene Brot, liebevoll in die Tüte drapiert, darf nicht, auf keinen Fall, gar nicht, niemals, niemals!! mit einem Käsebrötchen kombiniert werden. Nein! „Das geht nicht.“ Sie schüttelt den Kopf und legt das Käsebrötchen in eine Papiertüte.

Das war mein erstes Erlebnis mit der Unmündigkeit, die mir in der Bäckerei auferlegt wird. Es geht mir ja gar nicht darum, Müll zu vermeiden, es geht mir auch nicht darum, die durch durchfettende Papiertüten entstehenden Flecken in meiner Tasche zu vermeiden. Es geht mir darum, dass es praktisch ist. Zunächst. Später geht es auch irgendwie ums Prinzip. Ich! Will! Das! So! Es ist mein Brot und mein (naja, von meinem Mann oder meinem Sohn, aber egal), mein Käsebrötchen! Es geht hier um Autonomie, um Entscheidungsfreiheit, um Kapitalismus!

Kurze Zeit später bin ich bei einem anderen Bäcker. Käsebrötchen mit in die Tüte, kein Problem. Eines anderen Tages wackele ich wie hochschwanger (weil Babytrage mit gewichtigem Baby darin) den Berg runter zu einem Bäcker, den ich eigentlich nicht sonderlich mag. Nach diesem Tag noch weniger: Halbes Brot? Nix da. Brötchen mit rein? Never! Also stapfe ich mit zwei Tüten in den Händen zurück, wieder einmal bevormundet. Was nährt die Urangst der Verkäuferinnen? Dass das Brot etwa nach Käsebrötchen schmecken könnte?

Aber es folgen bald weitere Erfolgserlebnisse. Ich stelle fest, dass es die meisten Verkäuferinnen nicht stört, wenn ich eine Gemeinschaft aus geschnittenem Brot (ein halbes!) und Käsebrötchen möchte. Ich bekomme eine einzige Tüte, handlich, praktisch und so, wie ich es will.

Ich stehe vor dem Bäcker im Schnee, in der Tüte in meinem Korb kuschelt das halbe acht Millimeter – Brot mit zwei (!) Käsebrötchen und wen hat es gestört? Niemanden. Vielleicht widerstrebt es den Verkäuferinnen, weil sie es anders gelernt haben: Brot zu Brot, Käsebrötchen zu (Käse-)Brötchen. Wer weiß. Vielleicht ist es auch ihr Versuch, etwas Macht auszuüben über die Menschen jenseits der Brötchentheke. Besonders über die, die keine Ahnung haben und solche ungeheuerlichen Wünsche haben, wie Käsebrötchen und Brot zu kombinieren. In einer Tüte!

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