Die Feuchttücher

Als ich als kleines Kind „Christiane und Frederik“ gehört habe und später Reinhard Mey, ist es mir gar nicht aufgefallen: die Sozialkritik. Ich werde heute nicht singen, aber trotzdem mal etwas dazu beitragen. Wer eine Melodie dazu möchte, stellt sich sowas vor wie den „Säbeltanz“ von Chatschaturjan. Passt nicht zum Text, vermittelt aber ungefähr das Gefühl des Stresslevels, wenn zwei kleine Kinder gleichzeitig anfangen zu brüllen, während das Essen überkocht und der DHL-Mann klingelt.

Ich will keinen Mama-Blog haben. Auf gar keinen Fall. Ich will nicht darüber schreiben, wie mein neues Leben mit den 1+n Kindern aussieht, wie ich hübsche Dinge selber nähe, stricke, häkel, kaufe und verkaufe, vierunddreißig verschiedene Sorten Brei aus biologisch einwandfreiem Gemüse koche, wie ich mit Kind 2 zu Babyschwimmen, Babyyoga und Babymassage hetze und nachmittags Kind 1 mit Kinderturnen, Musikunterricht und Reiten verwöhne. Abgesehen davon kann ich darüber auch gar nichts schreiben, weil ich das meiste davon nicht mache (das allermeiste). Muttersein ist ganz schön schwierig – und das hat gar nichts mit den Kindern zu tun. Sondern mit den anderen.

Mutter. Da denkt jeder an diese dicklichen Kinderwagenschieberinnen, die sich um sabbernde, rotznasige Babys und den Haushalt kümmern, die nichts, aber auch nichts anderes zu tun haben, als immer wieder mit anderen Müttern in Cafés zu sitzen und einkaufen zu gehen und dann auch noch mit einem plärrenden Kinderwagen irgendwelche Kassen oder Gänge oder Plätze im Bus versperren. Mütter sind dümmlich, natürlich, sie machen ja nichts, außer dass sie „Ja wo ist der Leon? Ja wo ist der Leon? Da ist ja der Leon!“ sagen und ihm permanent irgendwelche Körperteile mit sofort greifbaren Feuchttüchern reinigen.

Mutter sein ist grandios. Eine riesige Ehre und ich liebe es. Aber definiere ich mich darüber? Nein. Was bin ich? Ich bin irgendwo Sportler, irgendwo Wissenschaftler, irgendwo schmeiße ich den Haushalt (zum Glück nicht alles) und natürlich bin ich auch Mutter. Und natürlich habe ich auch Feuchttücher greifbar, denn es gibt nichts Besseres egal ob für klebrige Kinderhände oder Flecken auf dem MacBook.

Man kann gesellschaftlich gesehen gar keine gute Mutter sein. Ist man nur Mutter, ist man keine gute Mutter, weil man ja nicht arbeitet; arbeitet man nebenbei, ist man keine gute Mutter, weil man ja nebenbei arbeitet. Man kann es gar nicht richtig machen. Schade ist nur, dass man in dieser einzigen Rolle festgesetzt (ich will nicht „darauf reduziert“ sagen, denn dafür ist Muttersein zu schön und zu wichtig) wird, ohne, dass gesehen wird, was man sonst noch ist. Und nebenbei erreichen kann.

Kurz nach meiner Disputation ging ich mit der Urkunde und dem Kinderwagen mit meinem Erstgeborenen ins Bürgerbüro, um den Doktortitel in den Personalausweis eintragen zu lassen. Warum? Weil es mir ja sonst keiner glauben würde. Aus keinem anderen Grund. „Lassen Sie mich raten,“ begrüßt mich die Frau, als ich drankomme und mit dem Kinderwagen zu ihrem Tisch schiebe, „Sie haben geheiratet und den Namen Ihres Mannes angenommen und brauchen einen neuen Ausweis?“

Ja, was soll ich dazu noch sagen?