Hustenlektüre – und die Zeit steht still, ja!

-4 Grad heute Morgen, dabei lagen wir vor einiger Zeit schon auf der Picknickdecke in der Sonne. Überall Erkältungen, Grippewelle und so weiter. Zusätzlich zum Pfefferminztee habe ich auch als Fachfremde trotz des mir manchmal witzigerweise angedachten medizinischen Fachwissens („Doktor? Bist du Ärztin?“) etwas beizutragen. So eine Art literaturwissenschaftliches Hausmittelchen quasi. Also, wer den Roman noch nicht kennt – am besten vorher lesen. Wer ihn schon kennt – um so besser. Für alle: Gute Besserung!

Thomas Mann – Der Zauberberg (1924)

Thomas Manns Roman hat einen festen Platz in meinem Leben – ich lese ihn fast jedes Mal, wenn ich krank bin. Aber nicht irgendwie krank. Husten muss es sein, sonst passt die Thematik nicht.

(Zugegeben: Ich überspringe jedes Mal die Dialoge von Hans und Settembrini. Aber ist das verwerflich? Ich lese auch in den meisten Texten aus Prinzip keine Träume, weil sie für den Autor einen Freifahrtschein für jegliches kafkaeske Gemauschel darstellen; Platz, um alles einzubauen, was er will und wie er will, ohne dafür jegliche Konsequenzen fürchten zu müssen – denn träumen kann man ja schließlich alles.)

Der grobe Plot: Hans besucht seinen lungenkranken Cousin Joachim im Sanatorium in Davos. Und bleibt.

Die Hauptfigur in ihrer naiven, hypochondrischen Art führt uns voller Begeisterung in die eigentlich schauderhafte Welt der Todgeweihten ein, in die er zunächst als Gast reist. So ist es ihm möglich, sich erst distanziert von den Lebensumständen der dortigen Menschen (Essen! Ruhen! Fiebermessen! Kamelhaardecke! Essen! Fiebermessen! Essen! Ruhen! Salon! Schlafen!) begeistern zu lassen, bevor er den Status einen Patienten einnehmen muss (besser: darf, denn er fühlt sich letztendlich gleichermaßen geschmeichelt). Schließlich ist er ja total anämisch (S.51). Diese fachliche Diagnose Dr. Krokowskis leitet seine Integration in die Gesellschaft ein, die sich weiterhin durch eine Erkältung und letztendlich den Kauf des eigenen Thermometers vollzieht. Dabei zelebriert Hans besonders das erste Fiebermessen mit einer noch viel intensiveren Gewissenhaftigkeit als die Insassen; ein Knackpunkt, der auch seinem Cousin mit Schrecken auffällt.

„Du hast dich gemessen? Womit?!“ rief Joachim erschrocken.
„Selbstverständlich mit einem Thermometer“, antwortete Hans Castorp nicht ohne Spott und Strenge. (S. 181)

Ab jetzt wird Hans Castorp immer weiter von der Institution eingenommen. Wir erleben, wie die Zeit des Urlaubs zur Zeit des Aufenthalts wird, wie er immer mehr von der Welt unten, aus der er stammt, abgetrennt wird, bis er gar nicht mehr zurück will.

(Ich muss dazu kurz auf Erving Goffmanns Prinzip der Totalen Institution verweisen. Er versteht in seinem Werk Asylums: Essays on the Social Situation of Mental Patients and Other Inmates (Pelican, 1971) die Institution als Regelsystem, das einen oder mehrere Menschen bestimmten Vorgaben, Pflichten, Privilegien bzw. Normen total unterwirft, das heißt, viele bis alle Lebensbereiche umfassen kann. Er bezieht sich auf eine Psychiatrie, es kann jedoch auch auf andere Institutionen angewendet werden, in denen wie im Sanatorium die Zeitpunkte für Essen, Fiebermessen, Ruhen etc. vorgegeben werden. Wer jetzt länger krank wird, sollte sich unbedingt den Goffman gönnen, gibt es auch auf deutsch.)

Wie willenlos, da völlig von der Faszination und der Überzeugung der Notwendigkeit eingenommen, folgt er dem Alltag, dem Alljahr dieser Einrichtung; dem Essen (immer wieder und umfangreich), dem Ruhen (ständig), den kleinen Vergnügungen drinnen wie draußen und natürlich den Untersuchungen, die den Aufenthalt verlängern (was Hans, je länger er sich dort befindet, im Gegensatz zu seinem Cousin immer weniger stört). Leider erwartet ihn danach kein normales Leben mehr, denn… na vielleicht kennt jemand den Roman noch nicht 😉

Natürlich kann man ihn auch gesund lesen, aber bei einem ordentlichen Husten ist er der beste Roman (auch lang genug für eine längere Krankheit), weil er dem Leser zwei Dinge deutlich demonstriert: dass er es a) mit einem simplen Husten deutlich besser hat als die schwer tuberkulösen Patienten in Davos und b) dass die Dauer der eigenen Erkrankung in den dortigen Zeitdimensionen quasi gar keine Existenz besitzt. Monate, Jahre sind die Begriffe der dortigen Rechnung, was gelten da noch zwei klitzekleine Wochen?

 

Ich beziehe mich auf die folgende Ausgabe:
Mann, Thomas: Der Zauberberg. Fischer Taschenbuchverlag, Frankfurt a.M., 1988.