Lady Bane (mit Rezept đźŤ‹)

Ich befĂĽrchte, heute ist „Rezension“ eigentlich der falsche Stempel. Aber nicht schlimm. Auch, dass heute mal ein bisschen was gelernt werden muss, schadet nicht 🙂

Warum wir das Böse brauchen – auch bei den Gummibären

„Warum ist Lady Bane böse?“ Mein Vierjähriger hampelt auf der Sofalehne. Lady Bane ist die – Achtung, Stereotyp – böse Hexe aus der US-amerikanischen Trickfilmserie Disney’s Adventures of the Gummi Bears (deutsch: Disneys Gummibärenbande), einer einprägsamen Trickfilmserie der 80er Jahre (die ich sicherlich noch einmal in einem separaten Artikel behandeln werde, vielleicht, wenn mir mal danach ist, eine Verbindung aus hĂĽpfenden Bären und dem sie umgebenden mittelalterlichen Kontext herzustellen).

Bevor ich Kinder hatte und nachdem ich selber ein Kind gewesen war, blieb mir nicht viel mehr in Erinnerung als die Titelmelodie (Für Achtzigerjahrekinder ein spätnächtlicher Partyhit). Seit zwei Jahren dudelt bei uns fast täglich irgendeine Folge über irgendein iPad. Lady Bane (einseitig geliebt vom ebenfalls bösen Herzog Igzorn) ist also die böse Hexe. Ziel: Ewige Jugend und das große (Zauber-)buch der Gummibären. Ihr Name leitet sich vom englischen bane = Fluch ab.

Helden und ihre Gegner waren bei mir spätestens seit meiner Doktorarbeit (dort Spartacus vs. Crassus) ein heiĂźes Thema, ich fĂĽhle mich also sofort in meinem Element. „Stell dir vor, du wĂĽrdest immer Schokolade essen,“ – Der Vergleich kommt mir sofort brillant vor – „dann wĂĽsstest du gar nicht mehr, was sĂĽĂź ist, weil immer alles sĂĽĂź ist. Aber wenn du zwischendurch mal eine Zitrone isst, dann merkst du danach, wie sĂĽĂź die Schokolade eigentlich ist.“ Mein Sohn hampelt weiter und ĂĽberlegt. Ich denke an die Definition von Gut, die sich nur in einer Kontrastierung zu Böse darstellen lässt. HeiĂźt: „Im Konstrukt des Helden findet sich die Notwendigkeit eines Gegners, da er ohne ein bekämpfenswertes GegenĂĽber keine heldenhaften Handlungen vollbringen kann.“ (Wenn man sich selbst zitiert, muss man keine Quelle angeben, aber die meisten Autoren tun das mit Hingabe. Ich lasse es ;-))

Kurzer Exkurs

Als Literaturwissenschaftlerin liebe ich Zitate. Es ist herrlich, sich wie in einem großen Urwald umhertreiben zu lassen und sich mal hier, mal da ein Blümchen herauszupicken; entweder, weil es das Eigene untermauert oder weil es genau das Gegenteil tut. Sekundärliteratur ist etwas wirklich Feines. Eben sitzt man noch alleine an einer Arbeit und wenn man dann guckt, wer schon mal was dazu geschrieben hat – zack – hat man plötzlich viele Freunde. Je länger die Arbeit dauert, werden es sogar alte Bekannte. Fußnote für Fußnote, Anführungszeichen für Anführungszeichen entsteht dabei ein wundervolles Geflecht von Argumenten; pro, contra, hin und her. Hauptsache, es bestätigt am Ende meine These :-). Aber zitieren ist auch etwas, was erlernt sein will, denn es gibt mindestens fünf wichtige Punkte dabei:

a) immer den Ursprungstext/den Primärtext suchen (nicht Zitat a aus Text b zitieren)
b) immer die Originalsprache nutzen (Merkformel: Ăśbersetzung = Auslegung)
c) immer genauestens zitieren – ob nun direkt oder indirekt (auch mit Fehlern)
d) immer den Zusammenhang des Zitats beachten (Kontext der Stelle)

und vor allem

e) immer immer immer die Quelle (richtig) angeben! (Wer (Außen-)Minister bleiben möchte, sollte das besonders beachten.)

Genug dazu, weiter zu Lady Bane (ich beschränkte mich mal auf zwei Sekundärquellen, sonst wirds zu lang)

Jerry Palmer definiert 1987 drei Hauptmotive des Bösewichts: „profit, revenge and power.“[i] Lady Bane erfüllt davon zumindest einen Punkt: Macht. Vielleicht kann man ihr die Jugend auch noch als möglichen profitablen Punkt anrechnen. Palmer sieht die Figur des Gegners generell mehrschichtig, denn „the use of violence in itself does not characterize the villain“[ii]. Damit will er verdeutlichen, dass der Gegner ebenso wie der Held als eine komplexe Figur wahrgenommen werden muss, die einer spezifischen Motivation und Zielsetzung unterliegt und nicht nur auf die Anwendung von Gewalt reduziert werden sollte. Bei der Gummibärenbande hält sich die Thematik der Gewalt natürlich sehr in Grenzen. Aber wenn Lady Bane aus der jungen Gummibärin Sunny eine alte Frau macht, weil sie ihr ihre Jugend mit einem Zauber stiehlt, dann ist das schon ziemlich gemein.

Reinhard Steiner sagt 2009, der Held sei „maßgeblich bestimmt durch die Größe des Gegners sowie die Hartnäckigkeit seines Engagements […]. Er ist nicht zwingend definiert durch Sieg.“[iii] Heißt: Lady Banes Streben, besonders nach dem Buch der Gummibären und der zum Öffnen notwendigen Medaille, reicht, um sie als böse zu definieren. Natürlich erreicht sie ihr Ziel, aber immer nur temporär, da sie das Gestohlene auch wieder verlieren muss, damit das Gute siegen kann. So ist das (nicht nur) bei Kinderserien.

Das ganze Sprechen und Definieren von Gut und Böse macht dabei deutlich: Wir bewegen uns in einem sehr relativen Feld. Die positive oder negative Konnotation einer Handlung ist abhängig von der Betrachtungsweise.

„Verstehst du, wie ich das meine?“, frage ich meinen Sohn, als ich meine Gedankengänge beendet habe.

„Ja,“ sagt er. „Lady Bane ist eine Zitrone.“


 

[i] Palmer, Jerry: Thrillers. Genesis and Structure of a Popular Genre. Arnold, 1987. S. 16

[ii] Palmer, S. 19

Jerry Palmer zeigt in seinem Werk die genretypischen Verhaltens- und Darstellungsmuster des Gegners, der durch die Bezeichnung als Verbrecher bzw. Bösewicht (villain) bereits die erste negative Zuweisung erhält. Palmers Darstellung lässt sich nicht nur im weiteren Bereich des Thrillers, sondern auf eine Großzahl literarischer und filmischer Gegnerbilder beziehen, in denen die Gegensätzlichkeit in der Betrachtungsweise von Gut und Böse dargestellt werden.

[iii] Steiner, Reinhard: Heldenposen. in: Scheel, Kurt und Bohrer, Karl Heinz (Hrsg.): Merkur, 63. Jg, Heft 716–727. Klett-Cotta, 2009. S. 950

Ein Gedanke zu “Lady Bane (mit Rezept đźŤ‹)

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.