Heißer Scheiß!

Max Frisch: Homo faber (1957) – Lektüre für die kommenden Sommertage

In meiner Kindheit und Jugend habe ich viel gelesen – zumindest viel von wem, was ich mir selber zum Lesen ausgesucht habe. Rückblickend wirkt der Deutschunterricht meiner Gymnasialzeit so, als wolle er Schülern jegliches Interesse an Literatur nehmen. Frühlingserwachen, Woyzeck, Nathan der Weise, Der Vorleser und Kafka, immer wieder Kafka! Manches kann ich heute lesen, aber damals? Never! Leute, lasst die Kids mit 16 doch mit dem Kram in Ruhe! Meine Lösung: Gebt ihnen Remarque. Dabei können sie auch gleich noch was lernen.

Aber dann waren da ein paar Lichtblicke. Der Richter und sein Henker, Die Physiker („Viel ist ja nicht.“) und das Strahlen am Horizont: Homo faber. Ich bekam das Buch von einer Freundin, die es schon in der Schule gelesen hatte und mir ihr sehr sparsam bearbeitetes Exemplar gerne mit dem Kommentar „Ist ein Scheißbuch“ überließ. Es wurde mein Lieblingsbuch und ist es heute noch („[…] ich sagte rundheraus, dass ich sie hasse. Ivy glaubte es nicht.“ Grandios!), gleichermaßen in meiner Bachelorarbeit und der Disputation meiner Doktorarbeit verarbeitet. So durchgearbeitet, dass ich mittlerweile ein zweites Exemplar besitze – zum Lesen.

Das erste, was ich an diesem Roman (eigentlich ein Bericht, aber ich lasse die Feinheiten heute einfach mal raus, genauso wie Quellen und Fußnoten) so liebe und was sofort auffällt, ist dieser individuelle Sprachstil. Parataxe. Ellipsen. Dieser Stil, der so unverkennbar ist, dass er sich auch leicht nachahmen lässt: Man kann Walter Fabers (berichtendem) Stil schnell nachfühlen.

Walter Faber ist – zunächst – so nüchtern, so distanziert (das ist seine Rolle als Techniker, wie jedem Schüler wohl eingeprügelt wird), dass alles an ihm abprallt: die Angst in der Wüste, die Hitze im Dschungel, die Zuneigung von und für Ivy; alles. Bis Elsbeth alles verändert. So viel zu dem, was man für die Schule wissen sollte. Achja und das mit der Erinnye (=Rachegöttin, aber psst, noch schläft sie!) da in der Vitrine, das wäre vielleicht was für nen Extrapunkt in der Klausur (schnell nachlesen!).

Prägnantes Element: Die Hitze.

Besonders die Beschreibungen des Dschungels machen für mich einen wichtigen Aspekt in der Wahrnehmung des Romans aus. Die beschriebene Wärme und Nässe, der Lärm, die Fruchtbarkeit überall, die Verwesung, der Tod, die Klebrigkeit (wie kann man da auch noch Ananas essen?), Insekten, stehende Schwüle, man kann es nachvollziehen: endlich duschen.

Die Hitze verbindet den Roman in den zeitlichen Ebenen und umspannt ihn. Hitze in der Wüste, Hitze im Dschungel bei der ersten Reise, Hitze im Dschungel bei der zweiten Reise, Hitze, als er völlig verzweifelt versucht, Sabeth nach ihrem Schlangenbiss (naja und wie wir wissen, dem Sturz) ins Krankenhaus zu bringen.

Fazit: Was den Roman ausmacht, sind weniger die Dinge, die uns vor allem die Schule darin suchen und finden lässt. Ist einem Werk erstmal der Stempel „Klassische Schullektüre“ oder „Steht im Lehrplan“ aufgedrückt, gibt es schwer ein Zurück zu einem gern gelesenen Buch. Und spätestens wenn ein „Lektüreschlüssel“ dazu erscheint (niemals, niemals, wirklich niemals daraus zitieren!!), ist alles verloren. Also an alle, die Homo faber vielleicht gerade aus diesen Gründen noch nicht kennen oder die meisten ihrer Schullektüren rückwirkend so hassen wie ich – er verdient eine zweite Chance!

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