Reim mich!

Kinderbücher sind ein weites Feld und in meinem Fall ein etwas schwieriges Thema. Klar, ich bin vorbelastet. Es gibt Kinderbücher mit dummer Wortwahl, blödsinnigen Formulierungen oder idiotischer Parataxe (Das ist der Igel. Der Igel wohnt im Wald. Er hat einen Freund. Der Hase heißt Tim. Dies sind Hauptsätze. Als wären Kinder zu doof für längere Sätze. Oder Nebensätze. Wir reden ja auch im Alltag so. Natürlich.). Somit wird das Vorlesen oft eher eine Art Freestylen. Challenge: Während des Lesens aus der Grütze einen ansprechenden Wortlaut herstellen.

Besonders schwierig sind Kinderbücher in Reimform. Es gibt schöne Kinderbücher und gute Autoren, die sich die Mühe machen, die Text schön zu reimen, so als wären die Leser intelligente Menschen mit einem Verstand für literarische Form. Leider scheint es für viele Verlage nur darum zu gehen, irgendwelche Buchstabenfolgen auf die bunten Seiten zu drucken, die wir armen Eltern dann peinlich berührt vorlesen müssen.

Ein besonders schlimmes Beispiel muss ich hier vorstellen. Es heißt „Klettern, singen, basteln – wir freuen uns auf den Kindergarten!“ (Schmidt, Hans-Christian und Kraushaar, Sabine; Loewe Verlag, 2014)

Kurz zum Thema Reime: Es gibt da einiges zu beachten, ich will nur in Kurzform auf zwei Dinge hinweisen. Einmal die Reimform, das ist, wie die Zeilen sich reimen, also die erste und zweite und die dritte und vierte wäre „aabb“, das wäre dann ein Paarreim. Und dann gibt es noch das Versmaß. Je nach Gedichtform brauchen wir gleichlange Zeilen, damit es stimmig ist, dabei reden wir von einer bestimmten Anzahl von Silben und den passenden Betonungen, damit das Gedicht nicht holpert und stolpert. Übrigens werden eigentlich die Zeilenenden überlesen und dort nicht gestoppt.

Fangen wir einmal vorne an.

„Tobias geht wie jeden Tag
zum Kindergarten, den er mag.
Er zieht sich seine Jacke aus
und schlüpft aus seinen Schuhen raus.“ […]

Das geht ja noch. (Bemerkt? Paarreim, aabb! Und: Vierhebiger Jambus, also acht Silben und davon jede zweite betont.) Damit sich dann weiterhin ein Reim auf „Regal“ ergibt, ist sein Symbol halt ein „Wal“, meinetwegen (also cc. Soll jetzt auch reichen). Auf der nächsten Seite wird ein einsilbiger Name für die Frau gesucht, sie heißt „Frau Damm“. Seltsam, aber auch noch ok. Aber dann wird’s schlimm. (Tipp: Gelegentlich mal die Silben zählen…)

„Am Mittwochvormittag gibt’s immer
Aktionen hier in jedem Zimmer.“
Was ist das für ein Satz?? (Und wie viele Silben sind das jetzt pro Zeile?)

„Da kann man Basteln ausprobieren“ […]
Ausprobieren?? Nur, damit es sich auf „musizieren“ reimt?

„Tobias ist besonders gern
beim Kochen mit Herrn Apfelkern.“
Apfelkern?? Welcher Mensch heißt so und ist dann auch noch ein Betreuer im Kindergarten, der GANZ ZUFÄLLIG mit den Kindern kocht?

Übrigens belegen sie Pizza mit – Achtung, hier ein Pappstückchen rausziehen – tadaaa, Pilzen! Diese Spielerei ist übrigens das beste am ganzen Buch. Allerdings nicht ganz robust genug; die Hälfte der Klappen fehlt bereits.

„Beim Mittag isst ein jedes Kind,
bis alle gut gesättigt sind.“
Bitte?

Und natürlich hat Tobias keinen Teddy, sondern ein „Kuschelschaf“ – das reimt sich nämlich immerhin fast auf den nun folgenden „Mittagsschlaf“.

Die letzte Strophe endet damit, dass Tobias vom Papa wieder abgeholt wird.

[…]
„Er fragte: ‚Wie wars, war alles toll?’
‚Oh ja, der Tag war wundervoll!’“

Ja, mindestens so wundervoll wie dieses Buch. MINDESTENS!