Vorgartenkulturen

Der schnieke Vorgarten mit Gartenzwerg darin ist ein Inbegriff der Klischees über unsere Gesellschaft. Dabei ist es fast schade, dass dem nicht so ist, wie sich nämlich schmerzlich bei einem Spaziergang durch Durchschnittsdeutschland feststellen lässt.

Bei einer Runde um meinen Block erwische ich meiner Meinung nach eine gute Schnittmenge; Einfamilienhäuser, Mehrfamilienhäuser, Reihenhäuser und Doppelhäuser. Große Vorgärten, kleine Vorgärten und sehr kleine Vorgärten.

Das Ergebnis ist erschreckend.

Fangen wir einmal beim Mittelfeld an. Nach dem Motto „Irgendwas muss man mit dem scheiß Platz ja machen“ ist er bestenfalls einfach begrünt und wird aus Ordnungsgründen so oft gemäht, dass er der Sommersonne kaum mehr standhalten kann. Ich assoziiere das irgendwie immer mit dem spärlichen Haarwuchs einer beginnenden Glatze. Oder es handelt sich um blanke Erde/Rindenmulch mit penibel gesetzten, stinklangweiligen Büschen oder neuerdings auch Bambus oder hohe Gräser, die bestenfalls einen Weg flanieren.

Dem positiv gegenüber stehen die liebevollen Gärten. Liebevoll ästhetisch. Etwas Rasen, ein paar Pflanzen, vielleicht ein schön gepflasterter Stellplatz. Nicht zu dressiert wie perfekt gekugelte Buchsbäume (mal ehrlich, wer findet denn sowas schön, die total beherrschte Natur?) und nicht überladen mit Klimbim.

Aber dann kommt das schlimmste. Vorgärten, zugekippt mit Steinen. Mit Steinen! Warum? Nach dem Motto „Irgendwas muss man mit dem scheiß Platz ja machen, aber da soll NICHTS wachsen und ich will auch NICHTS mähen!“ Also kippt man den Platz einfach voll mit Steinen. Den Stellplatz fürs Auto gleich mit, denn wer will schon Geld fürs Pflastern ausgeben, wenn er nicht mal Rasen mähen will.

Grauenvoll Kombination dann: Die bewusst gesetzten Akzente, die eine solche steingewordene Hässlichkeit noch betonen sollen. Zum Beispiel ein neckisch arrangierter, halb zerschlagener Tontopf. Schlimmer noch: Eine Amphore. Oder eine Statue im Vintage-Look. Oder eine kränkelte Pflanze in einem Topf im Meer der Steine. Da hilft es auch nicht, noch Gartenmöbel dazu zu stellen. Gartenmöbel! Zwischen einem Beet aus Steinen und einem Stellplatz für das Auto. Wer setzt sich da hin? Niemand. Es war bloß kein Platz mehr im Garten für die restlichen zwei Stühle.

(Wenn es vor dem Haus so aussieht, wie sieht es dann bloß dahinter aus?)

Ich habe kein Verständnis für Steingärten, ebenso wenig jedoch für totgemähte Rasenflächen ohne jegliche anderen Pflanzen und ohne Fußballtore (der einzig legitime Grund für einen kahlen Nutzrasen).

Achja, um zu verhindern, dass diese miese Natur sich die Fläche der Steine doch irgendwann wieder einverleiben könnte, legt man schwarze, dicke Folie darunter. Beschädigt man diese jedoch, dann passiert etwas wundervolles. Das Kraut sprießt und wuchert und das Zinnkraut wiegt sich im Wind und schreit laut „Verarscht!“. Dann hat das ganze schon wieder etwas wild-romantisches.

Unser eigener Vorgarten ist übrigens ein Dschungel. Ein mittlerweile etwas gezähmter Dschungel, aber einer, in dem Tiere leben können und sogar Walderdbeere wachsen. Ich kann damit gut leben und die Natur auch.

Was allerdings noch fehlt, ist ein Gartenzwerg.

 

2 Gedanken zu “Vorgartenkulturen

  1. […] Allerdings musste ich später feststellen, dass sie schwereres Geschütz aufgefahren hatten, einen Rasenmäher und eine wirklich große Kehrmaschine kamen ebenfalls die Straße hinauf. Nach ihrem langsamen, aber gewaltvollen Einsatz herrschte im Rinnstein wirklich zum ersten Mal Leere. Fast ein wenig schade kam es mir vor, aber dann sah ich, dass ein paar Häuser weiter ein Auto am Straßenrand parkte, vor einem Haus, dessen Vorgarten vor allem durch sein Zinnkraut auffällt (siehe hier). […]

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