HIP ist auch ein Kulturschock

Demnächst fahren wir wieder mal nach Dresden. Dazu sei gesagt, dass wir nicht des Dresdens wegen nach Dresden fahren, sondern wegen der dort seit einigen Jahren lebenden Dresdner Verwandtschaft.

Natürlich ist es eine beeindruckende Stadt, keine Frage, und jedem, der dort einige Zeit verbringt, lege ich sehr nahe, das Militärhistorische Museum zu besuchen. Nicht nur wenn man sich mit der Materie generell schon beschäftigt hat, hinterlässt es bleibende Eindrücke.

Ebenfalls Eindrücke hinterlassen hat bei mir die Dresdner Neustadt. Sie ist… HIP. Als unser Großer etwa zwei Jahre alt war, suchten wir dort nach einem Spielplatz und fanden einen schönen und großen, der bei den Bewohnern des Viertels scheinbar sehr beliebt war. Wir tummelten uns unter die anderen Eltern mit kleinen Kindern, aber irgendwas war seltsam. Irgendwie waren wir anders.

Ich blickte mich um und sah barfüßige Kinder in bunten, linnenen Pluderhosen und halbärmeligen Leinenhemdchen oder gestrickten Kleidchen aus biologischer Baumwolle. Ihre langen Haare umwehten sie lebensfroh, wenn sie zu ihren Eltern sprangen, um sich ein Dinkelkekschen zu holen. Alle sind dort in der Neustadt so. Auch die Eltern; die Väter mit den buntgewebten Tragetüchern aus Guatemala, in denen die sie ihre Babies tragen, wenn sie mit ihren Birkenstockschlappen zum Bioladen schlappen, und die Mütter, die in wallenden Haremshosen ihre Kinder von der Schule holen um mit ihnen noch ein Eis (und das ist dort wirklich gut!) zu essen.

Nie habe ich mich so für unsere Jeans und Turnschuhe geschämt.

Wie gesagt, demnächst fahren wir wieder nach Dresden. Aber für die Neustadt werde ich gerüstet sein. Mit Leinenhose und Leinenhemd werden meine Jungs den Spielplatz gut getarnt erobern. Und vielleicht passt mir mein Häkelkleid noch; wir werden uns noch etwas einfallen lassen. Niemand wird uns mehr ansehen, aus welcher Provinz wir kommen; niemand merken, wie nachlässig, ja wie unhip unsere Kinder (und wir) sonst gekleidet sind.