Dieses kleine Wesen

Wir stehen am Fenster. Ich sehe zur Seite, sehe, wie er mit leicht geschlossenen Augen den warmen Herbstwind genießt, der schwungvoll durch das Dachfenster über unsere Köpfe streicht. Seine weißblonden Haare wehen nach hinten.

Eigentlich stehe nur ich, denn ich habe ihn auf dem Arm. Es ist später Vormittag, er kann nicht einschlafen. Dabei ist er müde, so müde, dass er schon über den Zenit hinaus ist, vor dem er einfach eingeschlafen wäre. Er ist müde und kann nicht schlafen, aber weiß, DASS ER MÜDE IST UND NICHT SCHLAFEN KANN UND DESWEGEN SCHREIT ER WEIL ER MÜDE IST UND WEIL ER NICHT SCHLAFEN KANN UND WEIL ER SCHREIT KANN ER NICHT SCHLAFEN.

Wenn sich so ein Baby richtig aufregt, dann fließt es. Vor allem, wenn es auch noch zahnt. Sabber, Schnott und Tränen, dazwischen zusammengekniffene Augen und ein schreiender Mund. Dann die Müdigkeit, bei der zwei kleine Fäustchen die Augen reiben und die Flüssigkeiten zu einer einzigen, klebrigen Pampe vermischen. Die verschwindet dann irgendwann an Mamas Hals oder in Papas Pullover.

Wir haben diesen Teufelskreis gerade unterbrochen. Papas Idee war das, gute Idee, die frische Luft hilft. Ich sehe den Kleinen von der Seite an, wie er den Wind genießt, der durch seine Haare weht, das ganze Gesicht dabei voll roter Flecken von der Aufregung zuvor, dabei kleine Pfützen unter Mund, Nase und Augen. Ich weiß, dass ich ihn genau so liebe.

Es ist ein wundervoller Moment, eine Pause voll Herbstluft. Kurze Zeit später schläft er ein, den Kopf an meinem Hals, warm und müde, und ich genieße es, denn so ein kleines, schutzbedürftiges Menschlein ist einfach so wundervoll. Und wenn man für dieses kleine Wesen die ganze Welt bedeutet, dann ist das einfach unbezahlbar.

(Und dass er fast nie schreit, weil er nicht schlafen kann, natürlich auch.)

2 Gedanken zu “Dieses kleine Wesen

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