Waldschrat zweiter Klasse

Ich sitze in einer Arztpraxis und fühle mich unwohl. Am liebsten würde ich wieder aufstehen und aus dem Behandlungzimmer gehen, in das ich nach etwa 45minütiger Wartezeit geleitet worden bin und wo ich seit einer knappen Viertelstunde sitze. Die Helferin klang am Telefon sehr nett, sie fand mich noch in der Kartei und ich bekam die Termine – Beratung und Behandlung – ziemlich schnell und im Abstand von zwei Tagen. Allerdings musste ich den ersten absagen, weil meine Söhne (der Große und der Kleine) krank waren, war auch kein Problem. Diesmal sollte ich den Folgetermin dann vor Ort machen. In der Praxis klärt sich auf, dass ich nicht mehr in der gleichen Krankenkasse bin wie vor etwa zehn Jahren – nicht mehr privat, sondern jetzt gesetzlich versichert.

Immer noch sitze ich und warte. Die Helferin, die auf gar keinen Fall die vom Telefon gewesen sein kann, denn sie bringt es fertig, am Empfang total herablassend nach oben zu sehen, begleitet eine andere Patientin durch den Flur; die Frau hat verschieden gefärbte Haare in blond, braun und schwarz. Als die Mitarbeiterin alleine zurück kommt, trifft sie auf eine Kollegin. Sie raunt ihr etwas zu wie „guck dir die in Zimmer drei mal an!“ „Sag,“ entgegnet die andere, „ich kann doch nicht durch die Wand gucken!“ „Wieso,“ sagte die andere, jetzt im Weggehen, „geh doch einfach mal rein und guck sie dir an!“

Ich erschrecke. War die andere, die vorhin kurz bei mir drin war – dabei ist die Tür offen – und irgendwas gesucht, aber nicht gefunden hat, auch nur da, um mich zu begutachten? Ich sehe an mir hinunter und erschrecke wieder. Ja, ich habe die alten Stiefel an, die sind schon ziemlich abgetreten und abgeschrappt, aber sie sind so bequem, geht das nicht als vintage durch? Retro? Used look? Und ich hab diese coole Bikerhose an, farblich grüngrau, allerdings habe ich sie erst kurz vor dem Losfahren angezogen und aus Versehen zusammen mit einem moosgrünen Pulli an. Den trag ich doch sonst fast nie!

Ich erschrecke ein drittes Mal. Ich weiß, was die unsympatisch Mitarbeiterin bestimmt zu ihrer Kollegin gesagt hat. „Geh mal in Zimmer eins und guck dir den Waldschrat da an. Sieht aus wie eine Försterin auf Urlaub! Die verranzten Stiefel, unmöglich!“

In meinen Schreck hinein kommt der Arzt. Wir sind uns nicht sympatisch. Ich kann auch verstehen, dass er nach einem langen Arbeitstag um kurz nach fünf nicht mehr die allergrößte Begeisterung für seinen Beruf verspürt. Bzw. für seine Patienten. Es ist nur ein Beratungstermin, zum Glück, bei dem mich nicht nur die Wartezeit und die Mitarbeiterinnen den Kopf schütteln lassen. Die zusammengehefteten Bögen, die mich über die mögliche Behandlung aufklären, sind Blattlauskopien. Kopien von Kopien, die schief auf dem Kopierer gelegen haben müssen. Haben die denn kein ästhetisches Empfinden? Ich hab zuhause gelernt: Machs ordentlich. Und: Machs gerade.

Mich stört die Optik davon so sehr, dass mich der Inhalt kaum mehr tangiert. Und zuhause rege ich mich noch mehr auf: aufgeklebt ist ein bedruckter Aufkleber mit meinem Namen, darunter steht meine Krankenkasse. FETT gedruckt. Wieso? Wieso macht das irgendeinen Unterschied?

So oder so. Ich habe jetzt viel Zeit zum Nachdenken. Denn vor dem Gehen sollte ich mir den nächsten Termin holen und den bekomme ich diesmal wundersamerweise erst in sechs Wochen.