Natürlich mag ich Sissi! (Kann man da noch spoilern?)

Natürlich mag ich Sissi. Und das nicht nur, weil die Filme vom Fernsehprogramm zur Weihnachts- oder Osterzeit als Standardrepertoire erwählt worden sind (wo die Präsenz der drei Filme allerdings ebenso abnimmt wie die Notwendigkeit des linearen Fernsehens überhaupt).
Natürlich habe ich die Filme somit immer wieder gesehen; von meiner Kindheit bis heute gehören sie für mich zur Weihnachtszeit. Vor ein paar Jahren bekam ich die herrlich kitschige Schneekugel (siehe Bild) von meine Mann geschenkt; im Sockel verbirgt sich ein Fach für die drei DVDs. Somit plane ich jetzt selbst, an welchen Abenden die Filme laufen – und rücksichtsvollerweise an solchen, an denen mein Mann nicht zuhause ist.

Ich würde es nicht verallgemeinern, aber ich würde keinem Mann aufzwingen, die Filme zu sehen. Keine Ahnung, womit man das jetzt vergleichen kann, aber vielleicht gibt es einfach so Dinge, die Frauen mögen und Männer nicht. So fand ich im Laufe der Recherche zu meiner Dissertation zufällig den Aufsatz „Sissi – Ein deutsches Orgasmustrauma“ von Georg Seeßlen, bei dem ich mich fragte, warum man sich mit einer Thematik anscheinend nur befasst, um sie zu kritisieren, denn dann kann man es ja auch lassen und anderen nicht den Spaß nehmen. Wissenschaftliches Betätigen auch mit banalen Dingen – gerne. Aber kritisieren? Wozu, es soll doch Spaß machen.
Natürlich hat er einen ganz tollen, reißerischen Titel gefunden (dessen Erklärung noch lächerlicher ist als der Titel selbst, nämlich dass der Film in einem Höhepunkt endet (vgl. S. 96). ACH? ECHT? Ein Film endet in einem Höhepunkt?  Das ist ja mal total neu. Also ist jetzt jeder Film mit Showdown orgasmatisch? Ernsthaft mal jetzt, das ist doch Blödsinn.) Der restliche Artikel ist nicht besser, aber das muss jetzt nicht sein.
Was mag man an Sissi? Naja zunächst sollte man sich möglichst wenige Gedanken über die geschichtliche Authentizität und darüber machen, wie glücklich Romy Schneider mit der ganzen Sache war. Dann muss man den Kitsch und teilweise die Sprache ausblenden und so einige alberne Stellen, bei denen man zwar verstehen kann, dass man eine Parodie machen könnte, aber sowas sollte man nicht machen (es sei denn, man ist ein genereller Ich-mache-nichts-selber-sondern-alles-andere-kaputt-Bully-Herbig). Und ja, das ist wie bei Spartacus: Da denkt jeder an Kirk Douglas und bei Sissi jeder an Romy Schneider. So ist das mit der Schaffung von Inbegriffen. Aber Weihnachten sollte uns sowas egal sein.
Sissi zeigt uns das Unschöne hinter einer prunkvollen Fassade, das Verliebtsein trotz harten Reglements, das Schicksalhafte in jedem Leben, egal, wie behütet und wie kontrolliert. Die Filme sind süß, zu süß, kitschig, weichgezeichnet, überzeichnet, albern, peinlich, grotesk, leidenschaftlich, herzlich, schön. Ja, sie sind schön.
Manchmal, da gehört die Wissenschaft hinten angestellt, da muss man alles andere ausblenden, nichts analysieren, nichts weiter interpretieren, keine weiteren Quellen hinzuziehen, sondern sich einfach einlullen lassen von dem, was durch die Türen mit den unmöglich hohen Türklinken in unfassbar bauschenden Kleidern hineingewallt kommt. Dann kann man auch die unsäglich hässlichen Uniformen (Entenschnabel!) ignorieren, die der Franz trägt, überhaupt das „Frrranz!“, und den albernen Priester, den schwerhörigen Kaiservater, und vielleicht sogar etwas schmunzeln, wenn der Herr Oberst mal wieder viel zu viele Albernheiten präsentiert. Dann kann man einfach mal nur zugucken.
Seeßlen, Georg: Sissi – Ein deutsches Orgasmustrauma. In: Hans-Arthur Marsiske (Hg.): Zeitmaschine
Kino. Darstellung von Geschichte im Film. Marburg 1992, S. 65–79.