Erkenntnisstrubbelwetter

Es stürmt. Ich liebe den Wind, denn er treibt die imposanten, weiß aufgetürmten und grau zerfetzten Wolken in verschiedenen, sich überlagernden Schichten über einen blauen Himmel und lässt die Sonne nur in kurzen Phasen hervorblinzeln, manchmal dabei die jagenden Schatten der Wolken auf die Erde werfend.

Nachts ist es gleichsam gemütlich. Die Rolläden rappeln, draußen klappert dies und jenes, rauschen Bäume und Sträucher und lassen die Straßenlaternen wie flackernd wirken, kippen Blumentöpfe und ingesamt zeigt sich der Erkenntnisreichtum eines Sturmes: Er räumt auf. Oder eher: ab.

Nach einer stürmischen Nacht folgt meist ein ruhiger Morgen, der eine zerstrubbelte Welt zeigt, in der all das zum Opfer des Sturmes geworden ist, was eh nicht mehr lange gehalten hätte. Kleine oder auch große Äste, ganze Bäume, Gartenmöbel, Gartenzäune, manchmal Dachpfannen; aber es wird auch hinfortgerissen, was einfach keinen sicheren Platz hatte.

Allen voran: Der Müll. Insbesondere die gelben Säcke, dieser Hauch von einem Nichts, der da fast (Zitat von, na?) dazu geeignet ist, Müll zu sammeln. Wie gesagt, nur fast, denn nichts hat diese Funktion weniger verdient als diese ständig zerreißenden gelben Folien. Ein Freitagmorgen ist demnach der Höhepunkt der Ergebnisse einer stürmischen Nacht. Denn schon ein einziger zerstörter Müllsack veteilt sich dann so gleichmäßig über eine Straße, dass man im Vorbeifahren gemütlich die Lebensgewohnheiten des ehemaligen Eingentümers ablesen kann. Was jedoch nicht förderlich für die Optik einer Straße ist.

Besonders ängstliche Bürger, deren Angst nicht im Sturm, sondern in der eigenen Vergesslichkeit liegt, neigen dazu, den Müll bereits am Morgen vorher, also 24 Stunden vor der Abfuhr, an die Straße zu stellen. Somit flatterten bei uns bereits am Nachmittag vorher die Müllsäcke der Nachbarn vorbei und blockierten die Straße.

Ein namhafter Optiker warb einst mit dem Bild einer Frau mit langen Haaren, die sie so zerzaust umwehten, dass sie nichts mehr sehen konnte, darüber stand „ich liebe das Gefühl von Wind in meinem Haar“. Blödsinn, dachte ich schon damals. Keine Frau mit langen Haaren liebt es, vom Wind (es sei denn, er kommt nur von vorne) so umweht zu werden, dass die Haare nur wie wild um sie flattern und sie aussieht wie ein verzweifelter Wischmop. Denn erstens hilft dann auch die Brille vom Optiker nicht mehr und zweitens weiß sie, dass dieser Windangriff irgendwann später wieder entwirrt werden muss.

Eine Woche später zeigen sich in den Vorgärten der Nachbarschaft zwei interessante Erkenntnisse. Obwohl der Sturm schon die ganze Woche anhält, hält sich besonders effektiv verkeilter Müll, der der letzten Abfuhr entkommen ist, hartnäckig an den eroberten Plätzen. Da ich häufig den gleichen Weg gehe, begegne ich jeden Tag der gleichen Abfolge: eine Käsepackung, eine Katzenfutterpackung, ein Tetrapack passierte Tomaten, zwei Katzenfutterpackungen, ein weißer, kaputter Plastikeimer, eine Obstverpackung und eine Orangensaftflasche.

Meine zweite Erkenntnis enthält meine stille Verwunderung darüber, dass diese Dekorationen der Vorgärten so stillschweigend von den Bewohnern der Häuser akzeptiert werden.