Mosaikpopcorn

Wie manches, dem wir kaum Beachtung schenken
Uns dennoch für ein ganzes Leben prägt
Und seinen bunten Stein, als ein Andenken
Ins Mosaik unserer Seele trägt!

(Reinhard Mey Beim Blättern in den Bildern meiner Kindheit (1979))

In einem Mehrfamilienhaus bei uns in der Gegend wohnte einmal eine kleine Frau mit einem kleinen Kind und einem kleinen Hund. Diese Erinnerung habe ich und werde sie wie einen Stein in meinem Erinnerungsmosaik behalten, quasi als Andenken an eine Frau, die ich nie kannte, und die tot ist.

Es muss irgendwann zwischen 1990 und 1993 gewesen sein. Ich war mit meinem älteren Bruder und dessen Freund auf einem Spielplatz. Dort trafen wir eine Frau, alleinerziehend und geschieden, mit ihrer Tochter – jünger als ich – und wir müssen gut mit ihr gespielt haben, denn am Ende nahm die Mutter uns alle mit zu sich nach Hause. Bestimmt war auch uns eingeschärft worden, niemals mit Fremden mitzugehen, aber wir sind es wohl trotzdem.

Von der Wohnung der Frau habe ich nur Photos an einem Kühlschrank in Erinnerungen. Und ich probierte zum ersten Mal in meinem Leben gesalzenes Popcorn, das seither und auch heute noch zum Standard gehört, wenn ich meine Popcornmaschine anmache.

Die Frau wurde wenig später ermordert. Ich glaube, es war ihr Exmann. In dem Haus wohnen mittlerweile ganz andere Leute, auch welche, die ich kenne, die vielleicht in der gleichen Wohnung wohnen. Ich werde es ihnen nicht sagen. Aber wenn ich gesalzenes Popcorn mache, dann ist da diese ganz vage, flüchtige Erinnerung an eine Frau, von der ich sonst nichts weiß, aber die doch ein Mosaiksteinchen bei mir hat, weil sie mich als kleines Mädchen mit gesalzenem Popcorn für mein restliches Leben beeindrucken konnte.