Früher war mehr Pieks

Früher war es aufregend, einen Weihnachtsbaum zu kaufen, und das nicht nur, weil ich jünger war und somit alles, was mit Weihnachten zusammenhing, spannend war. Nein, einen Weihnachtsbaum zu kaufen, das war nicht etwas, was man einfach so tat. Und es gab sie auch noch nicht an jeder Ecke.

Meistens holten wir ihn bei einer mittlerweile abgerissenen Gärtnerei. Man musste den Zeitpunkt dafür genau kalkulieren, denn zu früh, hielt der Weihnachtsbaum nicht lange genug (angeblich) und zu spät, wären sie alle weg (angeblich). Trotzdem waren wir meist mutig – und machten uns erst am 23. auf den Weg.

Der Kauf des Weihnachtsbaumes bedurfte spezieller Vorbereitungen. Im Auto wurde ein Teil der Rückbank umgeklappt und es gab drei sehr sehr wichtige Dinge, die mitgenommen werden mussten: Ein Kissen, ein Seil und Handschuhe. Das Seil half später, den Kofferraum so weit zuzubinden, dass der durch das Kissen gepolsterte, obere Teil des Baumes noch hinausschauen konnte, was während der Fahrt auf der Rückbank eine ungewohnte und somit faszinierende Akustik ergab und einen fürchterlichen Gestank bei längeren Ampelphasen.

Am wichtigsten aber waren die Handschuhe. Denn die Bäume damals waren keine kuscheligen Tannen, sondern knallharte Fichten. Sie waren pieksig, harzig und klebrig und zeigten ihre Misanthropie sogar durch das Netz. Das Öffnen desselben zuhause konnte schnell unangenehm werden und jedes notwendige Justieren des Baumes im Wohnzimmer war eine Akupunktur.

Aber sie dufteten! Sie verbreiteten einen Duft durch die ganze Wohnung, der es von Weihnachten nur so singen ließ, sobald man eintrat. Es war herrlich. Kurz über die Nadeln gerieben, zeigte sich das olfaktorische Spektakel in seiner ganzen Pracht. Aber so traumhaft es damals auch war, so war es doch eben auch selbstverständlich. Der Baum war so widerspenstig und so duftend, da gab es keinen Zweifel dran. Stattdessen eine kuschelige Tanne nehmen? Die waren selten und teuer.

Heute ist das anders. Es gibt die Bäume überall. Und meist ziemlich teuer. Aber das größere Problem: jeder scheint jetzt eine Tanne zu wollen. Edle Tannen. Weich, biegsam und: geruchsneutral. Eine Fichte zu bekommen, wird immer schwieriger.

„Haben Sie auch Fichten?“, frage ich den in einem Meer von Tannen stehenden Verkäufer durch den Bauzaun, mit dem sein Verkaufsareal auf dem Supermarktparkplatz eingezäunt ist und durch den er in diesem waldigen Gehege wirkt wie ein Bär im Zoo. „Fichten?“ Er kommt näher. „Das was piekst?“ „Ja.“ „Habe ich. Blautanne. Ist wie Fichte.“ „Ahja,“ sage ich resigniert, „ich komme später noch mal wieder.“ Ich deute auf Kleinkind und Fahrrad, beides als Alibi dabei. „Kein Problem, ich kanns bringen.“ „Nein nein, schon gut.“

Mit gesenkten Schultern trotte ich zum Einkauf. Aber hey, es sind ja noch ein paar Tage bis Weihnachten. Ich werd schon noch einen Baum für uns finden. Einen der nicht kuschelt. Einen, der duftet. Einen, der piekst, der harzt und: der nach einer angemessenen Dauer in der Wohnung so völlig authentisch nadelt, so dass er uns den Abschied auch wieder leicht macht.

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