Roggenmischbrotbücher: Mal was anderes lesen als Weißbrot

Zur Zeit gibt es Menschen, die haben viel mehr Zeit zum Lesen als sonst. Es gibt aber auch welche, vor allem die mit kleineren Kindern, die haben noch weniger als sonst. Trotzdem muss dazwischen auch mal Zeit sein, ein Buch aufzuklappen (oder diesen langen Beitrag zu lesen ;-)). Aber welches? Normalerweile empfehle ich ja zu Zeiten von Krankheiten den Zauberberg von Thomas Mann. Aber viele hustende Menschen, das will ja zur Zeit besser keiner lesen…

Auf dem obigen Bild finden sich drei der vier Bücher, die ich seit Weihnachten gelesen habe. Warum nur drei? Buch vier, „In Stahlgewittern“ von Ernst Jünger, der darin seine Erlebnisse im ersten Weltkrieg beschreibt, lasse ich außenvor. Denn wenn zwei von den obigen Büchern ebenso wie Jüngers Werk durchaus keine inhaltlich seichten Leküren sind, so ist das, was er beschreibt, doch schon ziemlich schonungslos. Und – besonders im Vergleich zu Remarque – sehr unreflektiert. Aber das ist ein anderes Thema.

Was aber alle vier Bücher gemein haben: Es sind Tatsachenberichte. Und meiner Meinung nach haben Beschreibungen tatsächlicher Ereignisse (wir gehen jetzt nicht auf die Anteile von Fiktion ein, die sich bei jeder Verschriftlichung ergeben) immer einen Vorrang vor solchen, die rein fiktiv sind.

An der Uni habe ich gelernt: Das Gehirn will nicht immer nur Weißbrot mit Marmelade.
Es will auch mal was Deftigeres, etwas, das schwerer zu kauen und zu verdauen ist. Was Richtiges halt. Wie man das unterscheidet? Ist meist ganz einfach. Erstere sind die Bücher, die die Buchhandlung meist vor Ort hat. Letztere meist nicht. Ich assoziierte übrigens vorher schon, in der Schule, Kafka mit Haferschleim – schmeckt nicht und geht schwer runter. Mit der Veränderung, dass ich Haferschleim mittlerweile mag.

Dass ich mich in den letzten drei Monaten mit diesen vier Büchern befasst habe, war Zufall. Und nein, es sind keine Werke der deftigen Art, zumindest nicht der Sprache nach, dem Inhalt nach schon eher. Es sind mehr Mischformen; kein lulliger Liebesroman und kein Dostojewski, mehr so ein Roggenmischbrot mit mittelaltem Gouda.

Borwin Bandelows „Wer hat Angst vorm Bösen Mann?“ (2013) stand schon seit Jahren auf meiner Liste, ich habe es aber erst jetzt gebraucht gekauft und gelesen. Ebenso zufällig fand ich irgendwo den Hinweis auf die Geschichte von Chris Knight, der 27 Jahre seines Lebens als Einsiedler und Einbrecher im Wald in Maine, USA, lebte. Als er gefasst wurde, war das auch ein Thema in den Medien – aber ich erinnere mich nicht daran, es damals mitbekommen zu haben. Seine Geschichte wurde aufgeschrieben von Michael Finkel (2017) in „Der Ruf der Stille“. Erst vor einigen Monaten sah ich irgendwo dieses Buch und rein zufällig (ähem) brachte es dann der Weihnachtsmann. In selbigem Werk fand ich den Verweis auf „Allein mit der Angst“, das Veronique Le Guen 1989 veröffentlichte und das gebraucht sehr günstig zu haben ist. (Hier ein dickes Herz für booklooker!)

Dass zwei der obigen Bücher mit Isolation und Einsamkeit zu tun haben, passt auf eine sehr abstrakte Weise zu der Zeit, die wir jetzt gerade durchleben, und ist tatsächlich auch Zufall.

Borwin Bandelow „Wer hat Angst vom Bösen Mann?“

Bandelow ist Psychiater, Psychologe usw. Manchmal etwas zu sehr, muss man sagen. Denn sein Werk besteht aus zwei großen Teilen: Beschreiben und Analysieren. Das, was er beschreibt, sind die wohl krassesten und auch widerwärtigsten Straftaten, die man sich vorstellen kann. Viele „berühmte“ Personen tauchen dabei auf; Fälle, von denen man schon mal irgendwo irgendwas gehört hat. Bandelow analysiert die Taten der Personen und versucht, jeder Figur die individuelle psychische Störung zuzuweisen. Der Titel des Buches wird dabei auch einbezogen; er geht darauf ein, wieso es eine Fasziniation der „normalen“ Menschen dafür gibt. Sind die Taten, die er beschreibt, teilweise hochgradige schockierend, so sind die Analysen, je länger man liest, schon etwas umfangreich und wiederholen sich auch stark. Zudem wird teilweise deutlich, dass einige Diagnosen, die er aufstellt, wie allgemeingültig dargestellt sind, jedoch nur seine persönlichen Thesen sind. Trotzdem ist auch dieser analytische Teil des Buches interessant, jedoch dürfen auch mal ein, zwei Seiten davon überblättert werden.

Warum sollte man es lesen?

Aus dem gleichen Grund, warum man eigentlich auch Jüngers „In Stahlgewittern“ lesen sollte: Weil diese Dinge passiert sind, so schlimm sie auch sind. Die Sammlung der Straftaten in diesem Buch gibt einen Einblick in menschliche Abgründe aber es wird auch deutlich, wie viel in unserem Kopf vorgeht, das wir gar nicht ahnen und dass diese chemischen Gewichtungen ebenso Täter wie auch die abstruse Liebe zu ihnen provozieren können. Das Buch gibt damit aber nur (mögliche) Diagnosen, keine Rechtfertigungen, denn für das, was man dort liest, kann es gar keine Rechtfertigungen geben. (Als Reaktion darauf wartet übrigens die DVD „Der Baader Meinhof Komplex“ im Regal auf mich.)

Michael Finkel „Der Ruf der Stille“

(Ich spoiler jetzt ein bisschen, aber es nimmt nichts aus dem Relevanten des Buches vorweg)

Die Geschichte von Christopher Thomas Knight ist ebenso interessant wie unverständlich. Letzteres liegt besonders am Autor des Buches, denn dem Journalist Michael Finkel (mal recherchieren und gucken, warum die Times ihn rausgeworfen hat, kann nicht schaden) liegt erstaunlich viel daran, das WARUM zu klären. Auch wenn er uns ausführlich aus den wohl eher nicht ausführlichen Unterhaltungen mit Knight berichtet, schreibt er im ersten Teil des Buches vor allem, WIE es dem Einsiedler möglich war, so zu leben, wie er es tat. Dann versteift sich Finkel sehr auf dieses Wort, dieses Konzept des Einsiedlers und zusammen mit dem WARUM, das ihm Knight nicht erklären kann, weil es das wohl einfach nicht gab, begibt er sich dann irgendwann querbeet durch diverse Theorien und Historien zu der Thematik. Einen großen Aspekt nimmt dann bei ihm auch die Psychologie (Diagnose: Autismus) ein. Das ist dann zu viel, denn wenn ich Pseudowissenschaft besonders nicht mag, dann, wenn sie von Menschen ausgeführt wird, die keine Wissenschaftler sind.
Am Ende des Buches wird leider abschließend deutlich, wie Finkel zu den Aufzeichnungen über Knight gekommen ist: Durch Aufdringlichkeit. Scheint es Knight nach einer ersten Phase der Skepsis vielleicht doch wichtig gewesen zu sein, sein Leben zu beschreiben, wird spätestens zum Ende deutlich, dass Knight sich von Finkel bedrängt fühlte, der ihm erst Briefe schrieb, dann mehrfach im Gefängnis und später auch mehrfach in seinem Haus besuchte. Dass der Autor sogar erstaunlich oft Knights eigentliches Zuhause im Wald aufsuchte und dort sogar übernachtete, empfinde ich als das stärkste Eindringen in das Leben dieses eigenartigen Menschens.

Warum sollte man es lesen?

Es ist eine faszinierende Geschichte. Nicht die, die Finkel uns schreibt, sondern die, die Knight uns durch ihn berichten lässt. Und auch, wenn weder seine Entscheidung, in den Wald zu gehen, noch die, dort zu bleiben, nachvollziehbar wird, dann kann man sie als Eigenart von ihm verstehen. Es ist spannend, wie er es schafft, zu überleben; ob man seine Art, sich durch Diebstahl zu ernähren, akzeptabel findet oder nicht, bleibt dem Leser überlassen, denn selbst die Geschädigten hatten darüber kein klares Urteil. Auch der Justiz war das Festlegen einer Strafe schwierig. Und das Ende? Das muss man selber lesen. Auch wenn, besonders auf der Basis von Finkels Aufdringlichkeit, alles so wirkt, als würde es uns als Leser gar nichts angehen. Weder das Ende, noch Knights Leben im Wald.

Veronique Le Guen „Allein mit der Angst“

In Finkels Buch fand sich in einem umfangreichen Erguss die Erwähnung von Veronique Le Guen, die 1988 110 Tage in einer unterirdischen Höhle verbrachte. Ich erinnerte mich, als Kind davon gelesen zu haben, denn dass sich dort die Tag- und Nachphasen sehr stark ändern, war mir in Erinnerung geblieben, mehr aber nicht.

Veronique Le Guen, damals ungefähr in meinem heutigen Alter, hatte durch ihren Mann die Leidenschaft fürs Tauchen und Höhlenforschen entdeckt und Michel Siffre kennengelernt, einen Höhlenforscher mit dem Drang, die menschliche Reaktion auf Einsamkeit und Zeitlosigkeit zu erforschen. Er hatte bereits Experimente mit sich selbst durchgeführt, als er 1988 eine Frau in das Experiment schicken wollte.

Und Veronique Le Guen erklärte sich bereit dazu, 110 Tage mit 900 Büchern in einer tief unter der Erde gelegenen, 10 Grad kalten und feuchten Höhle zu verbringen. Aber ganz so total war diese Einsamkeit nicht, denn da es damals technisch noch nicht die gleichen Möglichkeiten gab wie heute, musste sie sich immer über ein Telefon beim Camp oberhalb der Erde melden, so dass es „täglich“ kurze Telefonate gab. Vor jedem der als „Zyklus“ bezeichneten „Tage“ sind die genauen Zeiten angegeben, die Veronique wach oder schlafend verbracht hat, ohne jedoch selber davon zu wissen. Dabei musste sie täglich viele Experimente über sich ergehen lassen; sich Blut und Speichel entnehmen, Werte von Haut und Fett und Stuhlgang und so weiter dokumentieren; ihr Tagebuch schreiben, Bilder malen, fotografieren, filmen etc. Alle diese Ergebnisse wurden über einen Seilzug im Schacht nach oben gezogen und zeitlich versetzt konnte sie so auch neues Material für die Untersuchungen erhalten. All dies steht im Bericht aber zurück vor dem, was sie über ihre Empfindungen schreibt.

Was dabei neben den zeitlichen Veränderungen in ihren Schlaf- und Wachphasen stark auffällt: Sie las viel und sie aß viel. Letzteres sehr markant französisch. Und sie schrieb viel, denn was wir lesen, sind ihre tagebuchähnlichen Aufzeichnungen, die sich natürlich inhaltlich immer etwas ähneln. Und das stellte sie auch selbst fest – nach etwa einem Drittel der Zeit reduzieren sich die zyklischen Berichte sehr stark.

Warum sollte man es lesen?

Zwar habe ich am Anfang mehrmals überlegt, ob sie in ihrer durchaus emotionalen und cholerischen Art wirklich die geeignete Person für ein derartiges Experiment war, aber je weiter ich las, desto beeindruckter war ich von ihrem Mut. Alleine in einer riesigen Höhle, in der es permanent tropft, mit vielen dunklen Winkeln, seltsamen Geräuschen, jeden Tag diese endlosen Experimente. Es ist eindrucksvoll, was sie schreibt, und durch die starke Introspektion leben wir mit ihr in dieser Höhle und in ihrer Form von Alltag.

Was mich jedoch am meisten beschäftigte, war gar nicht der eigentliche Bericht. Sondern das Wissen darum, dass sie sich (und das ist kein Spoiler, denn es steht bereits im Vorwort) etwa ein Jahr nach dem Experiment das Leben nahm. Und zuvor in einem Brief an ihren Mann schreibt, sie habe in diesem Leben nichts mehr verloren und Angst davor (siehe Vorwort). Somit las ich ihre Aufzeichnungen und suchte nach Anhaltspunkten. Nach etwas, was darauf schließen ließ, warum diese Frau, die sicherlich in der Höhle mal depressive Phasen hatte, aber voller Liebe für ihren Mann, voller Lebenswille und Zukunftsplänen war, nach diesem Experiment ihr Leben hätte beenden sollen. Ob ich etwas gefunden habe? Das kann ich nicht verraten. Aber ich kann empfehlen, es zu lesen.

Welches Buch man davon jetzt lesen möchte, muss jeder selbst wissen. Wem eher nach etwas Leichtem ist, der nehme das mittlere. Ich selber habe mir als nächstes eines der Bücher herausgepickt, die Veronique Le Guen in der Höhle gelesen hat – Eugène Dabits „Hotel du Nord“ (1929).

Und wer sich jetzt doch an den Zauberberg von Thomas Mann traut – der Artikel dazu gehört bei mir zu denen mit den allerwenigsten Klicks. Also vielleicht den mal lesen 🙂