Das nächste Futter

Wie bereits erwähnt, las ich nach Allein mit der Angst das von Veronique Le Guen in der Höhle gelesene Hotel du Nord. Darauf folgte Truman Capotes Kaltblütig (zufällig gefunden, als ich über Harper Lees Wer die Nachtigall stört recherchierte, das ich jedoch abgebrochen habe, um Kaltblütig zu lesen) und als drittes Grace Metalious‘ Die Leute von Peyton Place. Letzteres war ein noch zufälligerer Fund – ziellos gestöbert auf meiner liebsten Gebrauchtbuchseite und dann gelesen, dass dieses Buch tatsächlich ein Bestseller war. Und witzigerweise finden sich zwischen den drei Werken erstaunliche Ähnlichkeiten.

(Und: Ja, ich habe die Bücher in deutscher Übersetzung gelesen.)

Eugene Dabit – Hotel du Nord (1929)

Eugene Dabit beschreibt in seinem Roman Erlebnisse im Pariser Hotel du Nord – das seine Eltern einst führten und in dem er aufwuchs und sicherlich viele Beobachtungen machte. Die Zimmer des Hotels sind zumeist an Dauerbewohner vermietet; wir verfolgen ihr Leben so lange, wie sie im Hotel leben. Es gibt viel Alltag, Gewohnheiten, Liebe und Tod. Auch wenn der Roman fragmentarisch wirkt und gleichermaßen vor sich hin plätschert, gibt er doch einen historischen Rückblick, denn immerhin ist er schon fast hundert Jahre alt. Die Menschen haben ganz ähnliche und doch wieder ganz andere Schwierigkeiten als wir heute – das ist natürlich keine neue Feststellung, wird aber neu vor Augen geführt. Gleichsam wiederholen sich die Themen, die uns heute immer noch beschäftigen; Arbeit, Arbeitslosigkeit, Affären, ungewollte Schwangerschaften, Hoffnungslosigkeit und Menschlichkeit. Nur wenige Figuren begleiten wir wirklich über längere Strecken der Erzählung und doch haben wir Anteil an teilweise sehr prägenden Phasen ihres Lebens.

Warum sollte man es lesen?

Man sollte bei dem Roman nicht etwas anderes erwarten, als er ist. Er ist nicht spannend, hat keinen großartigen Handlungsverlauf, wirkt fragmentarisch. Aber wenn man ihn genau so sieht, als fragmentarische Darstellungen innerhalb eines Gesamtkontextes; also einer Haupthandlung – dem Hotel – und diversen Binnenhandlungen – den Bewohnern – ist er ein interessanter Einblick in eine Welt, die eigentlich gar nicht schon, sondern eigentlich erst 100 Jahre her ist und sich doch schon so massiv von unserer heutigen unterscheidet.

Truman Capote – Kaltblütig (1965)

Wer den Ort Holcomb, Kansas, in einer Suchmaschine eingibt, findet über den kleinen Ort nur einen einzigen Fakt: Den Mordfall Clutter 1959. Diesen nahm sich Capote zur Vorlage und schuf in jahrelanger Arbeit einen (angeblich) auf Fakten basierenden Roman. Er verbindet auf interessante Weise die Handlungsstränge; wir folgen der Familie Clutter, den Ermittlern und auch den Tätern. Über letztere erfahren wir allerdings für meinen Geschmack etwas zu viel. Klar ist auch wichtig, was sie vor und nach der Tat gemacht haben, aber manchmal will Capote zu nachdrücklich auf die Psychologie der beiden Männer eingehen. Das verrennt sich dann auch schon mal in Wiederholungen. Aber wir folgen auch anderen Personen der kleinen Stadt, in der sich sonst nur wenig ereignet.

Warum sollte man es lesen?

Zunächst: Weils passiert ist. Denn tatsächlich wurde fast die ganze Familie Clutter ermordet. Zwar ist natürlich immer Fiktion dabei, wenn sowas literarisch verarbeitet wird, aber trotzdem ist es ein guter Roman, der besonders durch diese verschiedenen Erzählebenen einen Spannungsbogen aufrecht erhält. Fast wie die Ermittler auch, erfahren wir den wirklichen Ablauf der Tat erst spät, deswegen bleiben auch für uns die Ereignisse zunächst rätselhaft. Denn es ergeben sich für die grausamen und auch sehr deutlich im Detail beschriebenen Vorgänge kein Motiv – somit wird es um so tragischer, als sich die wirklichen Ereignisse der Tatnacht aufklären. Zeitgleich mit den beiden Mördern folgen wir jedoch auch den Ermittlern und es gibt jemanden, jemanden, der mal was gehört hat, dem mal was erzählt worden ist, und der, der sorgt dafür, dass am Ende…ja, genau das passiert.

Grace Metalious – Die Leute von Peyton Place (1956)

Kurz nach dem Anfang des Buches hatte ich zwei Gedanken: 1. dass das Buch einen Übersichtsplan bräuchte, der nicht nur die Personen aufführt, sondern auch einen Stadtplan von Peyton Place bietet. Und 2. dachte ich, dass ich es nicht weiterlesen würde. Punkt 1 würde ich immer noch zustimmen, obwohl ich es auch ohne – Punkt 2! – bis zum Ende gelesen habe – denn es wird immer spannender.
Grace Metaliuos beschreibt das Leben in einer amerikanischen Kleinstadt; die Personen haben alle ihre eigenen, oft tragischen Geschichten, die sich aber über die Zeit oft auch mit denen der anderen Menschen im Ort verwoben haben. Die Reichen und die Armen des Ortes leben symbiotisch in diesem Mikrokosmos, den nie wirklich jemand verlässt und nur selten jemand fremdes betritt. Alles bleibt darin und somit kann nichts lange verheimlicht werden. Es wird geliebt, gehasst und getötet, verheimlicht, verraten, geholfen und gelogen – also alles, wie es in einer kleinen Stadt halt so vorkommt.

Warum sollte man es lesen?

Grace Metalious gibt uns ebenso wie Dabit den Einblick in eine andere gesellschaftliche Zeit. Auch wenn zwischen dieser und heute nur 65 Jahre liegen, hat sich teilweise unheimlich viel verändert. Schwangerschaftsabbrüche mögen vielleicht noch ein umstrittenes Thema sein, waren damals aber unvorstellbar. Und über uneheliche oder vaterlose Kinder regt sich heute keiner mehr auf. Ein in Metaliuos‘ Roman fallender Satz würde heute dafür viel kritischer gesehen werden: Es sei nicht schlimm, dass das Mädchen den rechten Arm verloren habe, die meisten Frauen würden ihr Baby sowieso links halten.

Die Leute von Peyton Place war ein Erfolg und gleichsam Metalious‘ Untergang: zu dicht beschrieb sie wohl den Ort, in dem sie lebte. Beziehungen zerbrachen und der einsetzende Alkoholismus führte letztendlich zu ihrem frühen Tod mit 39 Jahren. Übrigens blieb dieser Roman der einzig erfolgreiche von Metalious – Rückkehr nach Peyton Place soll deutlich schwächer sein. Ich lese es bereits und muss sagen…darüber reden wir noch!

Fazit:

Eugene Dabit beschreibt die Ereignisse in einem Hotel, Grace Metalious beobachtet das Leben in einer Kleinstadt und Truman Capotes Roman ist ein Experiment. Die Parallelen?

Das Hotel, in dem wir die Personen bei Dabit beobachten, gehörte den Eltern des Autors und gibt es heute noch. Ob die Dinge so passiert sind? Wissen wir nicht. Aber irgendwas wird ihn dazu inspiriert haben. Der Ort, den Grace Metalious beschreibt, gibt es nicht (angeblich, aber sie hat sich ja nun inspirieren lassen). Aber auch sie konfrontiert uns mit einer Vielzahl verzahnter Schicksale, wenn auch detaillierter und verwobener als ihr französischer Kollege. Truman Capotes Roman bezieht sich auf reale Fakten, auf Orte, Personen, Schicksale, die es (so oder ähnlich) wirklich gab. Auch er lässt uns hinter die Fassade einer Stadt und mehrerer Familien sehen, wir werden auch hier mit Menschen und ihren Schicksalen konfrontiert. Sein Roman ist der berühmte Versuch, einen Kriminalfall in eine Romanstruktur zu fassen. Gelingt das? Lesen!